Mittwoch, 19. Oktober 2011

Zeitreise


Wie bereits angekündigt, ging ich am Freitag für drei Tage in eine Art Lager. Dabei waren 26 Kinder zwischen 8 und 16, Vinício, ein Freund von ihm, meine Koordinatorin (Rotary) und zwei weitere Leiterinnen. Um dorthin zu kommen verbrachten wir drei Stunden in einem Auto aus dem 2. Weltkrieg (vielleicht war es aber auch nur ein Witz und ich habe es nicht bemerkt…). Natürlich blieben uns die „tollen“ Russischen Strassen auch dieses Mal nicht erspart. Unser Haus befand sich auf einer Art grossen Waldlichtung. Es gab noch ein paar andere Häuser in der Gegend, von Leuten die das ganze Jahr über dort wohnen. Warum man sich das antut ist mir jedoch ein Rätsel. Es gibt dort weder einen Laden noch Internet- oder Mobilnetzanschluss, und zumindest bei unserem Haus auch kein fliessend Wasser. Auf „unserem“ Grundstück war , wie schon erwähnt ein Haus, das aus 4 Räumen bestand, zwei Plumpsklos, eine Feuerstelle und eine Banja. Da wir erst um fünf Uhr abends angekommen sind, haben wir nicht am ersten Tag vor allem mit einrichten, herumsitzen und Wasserschleppen verbracht. Nicht dass ich jemals einen Eimer getragen hätte, das wurde von den Jungs nicht zugelassen. Die Nacht war schrecklich. Da wir auf einem Kochherd, wie es ihn vor hundert Jahren schon gab kochten (also auf Feuer), war es im ganzen Haus extrem warm, denn Türen zwischen den Räumen gab es nicht. Ausserdem war die Matratze extrem unbequem und ja… irgendwann habe ich dann auch geschlafen.
Am Samstag gingen wir gleich nach dem Frühstück in den Wald spazieren. Der Wald hier ist echt toll! Eigentlich wie in der Schweiz, nur hat es viel mehr Birken, und auch sonst gefällt er mir hier irgendwie besser. Es hat ausserdem unglaublich viele riesige Ameisenhaufen. Die Kinder haben dann jedes Mal, wenn wir an einem vorbeikamen, ein Zweiglein hineingesteckt und es nachher abgeleckt, da es anscheinen süss war. Ich wurde auch ganz fleissig mit irgendwelchen Kernen versorgt, die sie aus einer Art Tannzapfen herausgenommen hatten. Ausserdem sollte ich mir ganz viele Namen von Bäumen und Gräsern merken. Erinnern kann ich mich aber nur an das Wort für Ahorn…

Keine Angst, das ist nicht der Fluss, in dem wir Wasser geholt haben:)
Wieder zurück assen wir zu Mittag. Danach holte Vinício seine Gitarre hervor und wir sangen. Also eigentlich nur Vinício und ich, denn alle Lieder, die er auf der Gitarre spielen kann sind entweder Englisch oder Portugiesisch, und Russische Kinder können nur Russische Lieder. Später hat mir übrigens ein Mädchen, das uns beim Singen zugehört hat eine Zeichnung geschenkt, auf der eine Frau beim Singen zu sehen ist. Sie erklärte mir dann, das sei ich, weil so schön singe. Süss! Im Laufe des Nachmittags gingen wir in einen Zoo. Also eigentlich war es einfach eine Frau, die viele Tiere hatte, wie Ziegen, Truthahne oder Hunde. Die Kinder waren auch ganz begeistert, diese mit Kohl füttern zu können.
Am Abend stand Banja auf dem Programm. Das erste Mal in Russland und das zweite Mal in meinem Leben. Zuerst mussten wir sie aber noch heizen (mit Holz versteh sich) und nochmals viiiel Wasser holen. Aber es hat sich definitiv gelohnt!
Am Sonntag ging es dann mit der Elektritschka nach Hause. Sie erinnert ein bisschen an unsere Züge vor fünfzig Jahren, vielleicht einfach etwas weniger Laut. Um zum Bahnhof zu kommen mussten wir einen ziemlich langen Weg zurücklegen, und die Hälfte davon gingen wir AUF den Gleisen. Man gewöhnt sich daran, und gegen Ende hatte ich nicht einmal mehr Angst, gleich von einem Zug überfahren zu werden:)
 
Das Wochenende war, trotz fehlenden Komforts super, und ich würde sofort nochmal gehen!

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