Eine siebentägige Schulwoche ist wohl nur in Russland
möglich. Also nicht, dass das immer so wäre, aber hier wie es dazu kommt:
Am Montag vor zwei Wochen habe ich Schule gewechselt. Es ist
nichts Spezielles vorgefallen, ich habe es einfach nicht geschafft, mich in
meiner Klasse wirklich anzufreunden. Ich hatte zwar schon Leute, mit denen ich
mich unterhalten konnte, jedoch fehlten oft die Themen, und in der Klasse war
es generell extrem ruhig. Mein Russisch machte deswegen auch nicht die
Fortschritte, die es sollte, weil ich es eben einfach nicht oft genug gebraucht
hatte. Hundert Prozent sicher war ich mir also nicht beim Wechsel. Vor allem
als mir am letzten Tag viele gesagt haben, wie schade sie es fänden, dass ich
gehe, habe ich meine Entscheidung schon fast wieder bereut.
Naja, jetzt habe ich also von Schule Nummer fünf zu Schule
Nummer zwölf gewechselt. (mit
originellen Namen hat man es hier nicht so) Meine neue Schule hat einen sehr
guten Ruf, ist um einiges moderner, und viel heller als meine alte.
Der Unterricht geht hier am Morgen zehn Minuten später los
und die Schule ist näher an meiner Wohnung, das heisst länger schlafen! Dafür habe ich jeden Tag mindestens bis um
zwei Schule, (in der anderen war zwei das Maximum) und es wird am Samstag
unterrichtet. In der Schule Nummer fünf hatte mir meine Klassenlehrerin
erlaubt, samstags nicht zur Schule zu kommen. Hier habe ich aber gar nicht erst
gefragt, sondern bin einfach gegangen. Ich habe ja sonst sowieso nicht zu tun. Das
wäre Erklärung Nummer eins für eine siebentätige Schulwoche.
Am letzten Samstag hatte ich zum ersten Mal das Fach
Technologia. Es ist eigentlich eine Art Handarbeit, und ich habe zum ersten Mal
seit der fünften Klasse wieder gehäkelt! Es macht total Spass, denn wir können
dabei Tee trinken und uns unterhalten. Mein neues LieblingsfachJ
Meine neue Klasse ist absolut toll! Im Grunde genommen
eigentlich eine ganz normale Klasse, vielleicht mit einem sehr ausgeprägten
Klassengeist. Ich fühle mich manchmal schon fast wieder wie in der Schweiz,
wenn in den Pausen alle reden, und es fällt mir erst jetzt richtig auf, wie
sehr ich das vermisst habe. Ich wurde eigentlich gut aufgenommen. Nur das
Interesse war nicht so im Überfluss vorhanden wie an meinem ersten Tag in der
Schule Nummer fünf, denn Vinício war im letzten Jahr schon ein paar Monate an
dieser Schule, und so hatten alle schon mal einen Austauschschüler gesehen. Das
ist mir eigentlich auch gerade recht, ich fühle mich so irgendwie normaler, und
ich glaube, man kann auch schneller Freunde gewinnen, wenn man nicht so
exotisch ist.
Grund Nummer zwei für eine siebentägige Schulwoche ist der Internationaler Frauentag am 8 März. In
Russland ist das ein riesen Ding. Alle haben frei, und weil der 8. März dieses
Jahr genau auf einen Donnerstag fiel, hat man den Freitag noch gerade als
Brückentag eingeschoben und am Samstag muss aus irgendwelchen Gründen auch
niemand arbeiten oder zur Schule gehen. Leider ist der Freitag aber nicht einfach
so frei, sondern musste am Sonntag nachgeholt werden. Das heisst heute war hier
ein ganz normaler Arbeitstag, und ich ging zur Schule. Also habe ich vom
Sonntag bis zum nächsten Samstag Schule; ergibt sieben Tage. Ein bisschen leid tue ich mir ja
schon:)
| meine Klassenlehrerin und ein paar Jungs beim Torte schneiden |
Der Frauentag an sich ist wirklich toll. Schon am Tag vorher
hatten wir in der ersten Lektion Klassenstunde, haben dort Tee getrunken,
Kuchen und Salat gegessen und die Jungs haben allen Mädchen Badegel geschenkt.
Die Flasche hat eine ganz witzige Form, aber der Duft ist… naja, ich habe schon
Besseres gerochen:)
Am Morgen des achten Mais hat mein Gastvater meiner
Gastmutter und mir je einen Tulpenstrauss überreicht und uns zum Festtag
gratuliert. Zum Mittagessen sich wieder die ganze Verwandtschaft bei meiner
Gastgrossmutter versammelt. Es gab unglaublich viel Essen, wirklich unglaublich
viel; meine Babuschka (Grossmutter) hatte schon zwei Tage im Voraus mit kochen
begonnen! Dort hat mein Gastgrossonkel (der, der auf dem
Schiff arbeitet) allen weiblichen Geschöpfen eine rote Rose geschenkt.
Ausserdem bekam ich von Babuschka Rouge und von einer Gastgrosstante Lipgloss.
Fazit: Diesen Tag sollte man in der Schweiz auch mal etwas
mehr Beachtung schenken!
| bei meiner Gastgrossmutter am noch nicht fertig gedeckten Tisch |
| beim Essen |
| mein Gastvater wollte mich ärgern, wegen des mir selbst auferlegten Süssigkeitenverbots |
Eigentlich hatte ich ja schon einen ganzen Abschnitt über
die Präsidentschaftswahlen geschrieben, nur habe ich es natürlich wieder
verschlafen ihn rechtzeitig zu veröffentlichen. Da das jetzt wohl kaum noch
interessant wäre nur so viel: Ich war mit meinen Gasteltern abstimmen, und mein
Gastbruder hat uns sogar per Screenshot fotografiert, denn es wurden in allen
Wahllokalen Kameras aufgestellt, deren Aufnahmen man sich im Internet anschauen
konnte. Vielleicht kann ich das Foto irgendwie noch auftreiben…
Übrigens habe ich letze Woche zum ersten Mal Post bekommen –
ein Paket. Und als ich heute nach Hause kam lag gleich nochmal eines auf meinem
Bett. Es ist also doch möglich etwas in den Primorsky Krai zu schicken! An
dieser Stelle ein riesen Dankeschön an
Hilde und Henry!