Mein Kamtschatka-Abenteuer begann damit, dass wir fast
unseren Flug verpasst hätten, weil meine Gastgrossmutter, die uns hinbrachte,
noch nie an den Flughafen gefahren war, seit die neuen Strassen gebaut wurden.
Nachdem wir x-Mal falsch gefahren sind, und ich schon gar nicht mehr ruhig
sitzen konnte, sind wir dann auch endlich angekommen. Jedoch stellten wir, als
wir in der Schlange für das Check-in warteten, fest, dass ich eine andere
Flugnummer hatte, als meine Mitreisenden, Ellen und Rich. Tja, es hat sich
herausgestellt, dass es zwei Flüge mit nur einer halben Stunde Zeitunterschied
auf die Kamtschatka fliegen; ich den mit S7 gebucht habe, und Ellen und Rich
den mit Aeroflot. Also habe ich die dreieinhalb Stunden Flugzeit eben alleine
verbracht und mich mit dem Gedanken getröstet, dass ich wenigstens eine neue
Fluggesellschaft kennenlerne.
Für diejenigen, die- wie ich vor eineinhalb Jahren- nicht
einmal wussten, dass auf der Kamtschatka Leute leben, ein kleiner Einschub mit
Fakten: Auf der gesamten Halbinsel Kamtschatka leben 380 000 Leute, davon 230
000 in Petropawlowsk-Kamtschatski, der Hauptstadt. Es gibt drei Ureinwohner
Stämme, die aber gerade mal drei Prozent der Bevölkerung ausmachen; ein Teil
lebt aber noch immer im Norden wie vor hunderten vor Jahren- freiwillig,
versteht sich. Wofür die Kamtschatka aber vor allem bekannt ist, sind ihre
Vulkane, wovon es über 160 hat und 30 noch immer aktiv sind, und natürlich
Bären. Dazu muss ich noch sagen, dass ich weder Bären gesehen habe - was aber
auch nicht zu erwarten war, denn wer im Frühling Bären sieht, kann davon meist
niemandem mehr erzählen – noch auf einem Vulkan war, da noch zu viel Schnee
lag. Hier konnte man nämlich noch bis zum ersten Mai in den Skigebieten rund um
Petropawlowsk Ski fahren, und Gras findet man noch praktisch keines.
| Petropawlowsk mit Vulkan im Hintergrund |
Am Flughafen von Petropawlowsk-Kamtschatski (wir erinnern
uns, die Hauptstadt der Kamtschatka) erwarteten mich schon Ellen, Rich, Camilo
(der Kolumbische Austauschschüler, der dort lebt) und Mascha, ein Rotary Mitglied,
mit der wir die kommenden neun Tage verbringen sollten. Wir wurden an dem Tag
gleich zu unseren Gastfamilien gebracht. Ich wohnte bei Olja und deren
vierzehnjährigen Tochter Jana. Ein echt cooles Mutter-Tochter-Team, die immer
etwas zu tun haben. Wenn Olja nicht arbeitet, geht sie ins Theater, Kino, kocht
etwas spezielles oder lädt irgendwen ein. Und ausserdem hatten wir noch vier
Schildkröten und eine Krabbe zu Hause. Ich glaube, das ist der erste Russische
Haushalt, in dem keine haarigen Tiere lebten, was auch mal eine ganz nette
Abwechslung war.
Die Tage auf der Kamtschatka waren pumpenvoll mit Programm.
Wir haben an drei verschiedenen Orten in heissen Quellen gebadet, waren bei
Schlittenhunden, in zwei Museen über die Kamtschatka, im Theater, im Kino und
waren in sechs verschiedenen Schulen und Universitäten, in denen wir praktisch
interviewt wurden. Naja, das hätte ich nicht unbedingt gebraucht, denn die Fragen
wiederholten sich immer: Wie gefällt euch Russland? Mögt ihr das Essen? Habt
ihr schon Wodka probiert?... Wir hatten sogar einen Auftritt in der Morgenshow des
Lokalfernsehens. War eigentlich ganz ok, nur habe ich es noch immer nicht
geschafft, mir die Aufnahme ganz anzusehen, weil ich es einfach nicht ausstehen
kann, wenn ich meinen eigenen Akzent höre. Zwar sagen mir Leute, ich hättre
praktisch keinen mehr, aber ich ich kann ihn trotzdem noch hören, was mich
einfach unglaublich nervt.
Alles
aufzählen, was wir gemacht haben, kann ich nicht, deshalb beschränke ich mich
auf meine zwei Lieblingserlebnisse:
1.
Rotary Meeting. Nicht, dass es sooo super interessant gewesen
wäre, aber es hat mir bewiesen, dass es sogar in Russland Rotary Meetings gibt,
die nicht nur daraus bestehen, vierzig Minuten auf ein Mitglied zu warten, zwei Minuten von seiner Zeit in Russland zu
erzählen und dann auch schon wieder entlassen werden, wie es in Nachodka
meistens ist. Der Rotaryclub hatte ein kleines Konzert in einem Restaurant
organisiert, auf dem ein Rotarier, der Musiker ist sang. Zwischendurch haben
sogar wir Austauschschüler was gesungen. Zuerst ich a capella Stehts it Truure
(mir wurde das zugetraut, weil ich intelligenterweise gesagt habe, dass ich in
einem Chor singe), dann mit Ellen und Playback Yellow Submarin, darauf gab der
Taiwanese seine Hymne zum besten und zum Schluss haben Camilo und ich noch ein
Lied auf Spanisch gesungen, das ich eine halbe Stunde zuvor zum ersten Mal
gehört habe. Das war dann auch das Lieblingslied von allen und wir haben viele
Komplimente dafür bekommen.
2.
Wir sahen Seelöwen in freier Natur! Also ehrlich gesagt bin
ich mir noch immer nicht sicher, ob es wirklich so heisst übersetzt, aber ich
kann es im Wörterbuch nicht finden. Naja, Foto ist etwas weiter unten. Auf
jeden Fall hätte ich nie gedacht, dass ich diese Tiere in meinem Leben mal
sonst noch irgendwo ausser im Fernsehen sehe.
| hinten: Masha 2 Ureinwohner, Rich, Ellen und ich; vorne:Camilo, Mashas Sohn und ein anderer Rotarier |
| Ellen und ich in heissen Quellen |
| Seekühe ? |
| Rich und ich in traditioneller Kleidung |
Wie schon gesagt, war während der ganzen neun Tagen
immer Masha mit uns und hat somit praktisch alle Zeit ihrer Ferien geopfert.
Würde ich ja nie tun (:)), aber ich bin ihr einfach nur unglaublich dankbar
dafür, dass sie es getan hat, denn wir haben uns super verstanden!
Nach den neun Tagen, also am Samstag vor einer Woche, ging’s dann wieder zurück nach
Wladiwostok, wiederum mit verschiedenen Flügen, versteht sich. Zum Abschied
schenkte mir meine Kamtschatskische (?) Gastfamilie einen riesen Bilderband mit
Fotos der Kamtschatka. Wie ich sie doch liebeJ
In Wladiwostok sah ich zum ersten Mal seit drei Wochen
meine Gastfamilie wieder. Und Grün! Ja, auch in Wladiwostok ist es in der Zeit,
in der ich weg war endlich grün geworden, und während der ganzen zweistündigen
Heimfahrt fühlte ich mich einfach nur so gut, weil ich endlich zum ersten Mal
seit sechs Monaten mal wieder etwas grün sah, was der Landschaft schon sehr gut
tut.
Erst als wir in Nachodka ankamen, merkte ich wie sehr
ich alles vermisst hatte, und es fühlte sich einfach nur gut an, wieder zu
Hause zu sein, mit meiner Gastfamilie zu reden, auf meinem gewohnten Platz
Abendbrot zu essen, wenn dabei im Hintergrund Pervy Kanal im Fernsehen
eingestellt ist. Und da wurde mir zum ersten Mal klar, dass mir gerade mal noch
ein Monat bleibt, bis ich mein neues Zuhause schon wieder verlassen muss...