Freitag, 25. Mai 2012

Kamtschatka


Mein Kamtschatka-Abenteuer begann damit, dass wir fast unseren Flug verpasst hätten, weil meine Gastgrossmutter, die uns hinbrachte, noch nie an den Flughafen gefahren war, seit die neuen Strassen gebaut wurden. Nachdem wir x-Mal falsch gefahren sind, und ich schon gar nicht mehr ruhig sitzen konnte, sind wir dann auch endlich angekommen. Jedoch stellten wir, als wir in der Schlange für das Check-in warteten, fest, dass ich eine andere Flugnummer hatte, als meine Mitreisenden, Ellen und Rich. Tja, es hat sich herausgestellt, dass es zwei Flüge mit nur einer halben Stunde Zeitunterschied auf die Kamtschatka fliegen; ich den mit S7 gebucht habe, und Ellen und Rich den mit Aeroflot. Also habe ich die dreieinhalb Stunden Flugzeit eben alleine verbracht und mich mit dem Gedanken getröstet, dass ich wenigstens eine neue Fluggesellschaft kennenlerne.
Für diejenigen, die- wie ich vor eineinhalb Jahren- nicht einmal wussten, dass auf der Kamtschatka Leute leben, ein kleiner Einschub mit Fakten: Auf der gesamten Halbinsel Kamtschatka leben 380 000 Leute, davon 230 000 in Petropawlowsk-Kamtschatski, der Hauptstadt. Es gibt drei Ureinwohner Stämme, die aber gerade mal drei Prozent der Bevölkerung ausmachen; ein Teil lebt aber noch immer im Norden wie vor hunderten vor Jahren- freiwillig, versteht sich. Wofür die Kamtschatka aber vor allem bekannt ist, sind ihre Vulkane, wovon es über 160 hat und 30 noch immer aktiv sind, und natürlich Bären. Dazu muss ich noch sagen, dass ich weder Bären gesehen habe - was aber auch nicht zu erwarten war, denn wer im Frühling Bären sieht, kann davon meist niemandem mehr erzählen – noch auf einem Vulkan war, da noch zu viel Schnee lag. Hier konnte man nämlich noch bis zum ersten Mai in den Skigebieten rund um Petropawlowsk Ski fahren, und Gras findet man noch praktisch keines.  

Petropawlowsk mit Vulkan im Hintergrund


Am Flughafen von Petropawlowsk-Kamtschatski (wir erinnern uns, die Hauptstadt der Kamtschatka) erwarteten mich schon Ellen, Rich, Camilo (der Kolumbische Austauschschüler, der dort lebt) und Mascha, ein Rotary Mitglied, mit der wir die kommenden neun Tage verbringen sollten. Wir wurden an dem Tag gleich zu unseren Gastfamilien gebracht. Ich wohnte bei Olja und deren vierzehnjährigen Tochter Jana. Ein echt cooles Mutter-Tochter-Team, die immer etwas zu tun haben. Wenn Olja nicht arbeitet, geht sie ins Theater, Kino, kocht etwas spezielles oder lädt irgendwen ein. Und ausserdem hatten wir noch vier Schildkröten und eine Krabbe zu Hause. Ich glaube, das ist der erste Russische Haushalt, in dem keine haarigen Tiere lebten, was auch mal eine ganz nette Abwechslung war.
Die Tage auf der Kamtschatka waren pumpenvoll mit Programm. Wir haben an drei verschiedenen Orten in heissen Quellen gebadet, waren bei Schlittenhunden, in zwei Museen über die Kamtschatka, im Theater, im Kino und waren in sechs verschiedenen Schulen und Universitäten, in denen wir praktisch interviewt wurden. Naja, das hätte ich nicht unbedingt gebraucht, denn die Fragen wiederholten sich immer: Wie gefällt euch Russland? Mögt ihr das Essen? Habt ihr schon Wodka probiert?... Wir hatten sogar einen Auftritt in der Morgenshow des Lokalfernsehens. War eigentlich ganz ok, nur habe ich es noch immer nicht geschafft, mir die Aufnahme ganz anzusehen, weil ich es einfach nicht ausstehen kann, wenn ich meinen eigenen Akzent höre. Zwar sagen mir Leute, ich hättre praktisch keinen mehr, aber ich ich kann ihn trotzdem noch hören, was mich einfach unglaublich nervt.
Alles aufzählen, was wir gemacht haben, kann ich nicht, deshalb beschränke ich mich auf meine zwei Lieblingserlebnisse:
     1.    Rotary Meeting. Nicht, dass es sooo super interessant gewesen wäre, aber es hat mir bewiesen, dass es sogar in Russland Rotary Meetings gibt, die nicht nur daraus bestehen, vierzig Minuten auf ein Mitglied zu warten,  zwei Minuten von seiner Zeit in Russland zu erzählen und dann auch schon wieder entlassen werden, wie es in Nachodka meistens ist. Der Rotaryclub hatte ein kleines Konzert in einem Restaurant organisiert, auf dem ein Rotarier, der Musiker ist sang. Zwischendurch haben sogar wir Austauschschüler was gesungen. Zuerst ich a capella Stehts it Truure (mir wurde das zugetraut, weil ich intelligenterweise gesagt habe, dass ich in einem Chor singe), dann mit Ellen und Playback Yellow Submarin, darauf gab der Taiwanese seine Hymne zum besten und zum Schluss haben Camilo und ich noch ein Lied auf Spanisch gesungen, das ich eine halbe Stunde zuvor zum ersten Mal gehört habe. Das war dann auch das Lieblingslied von allen und wir haben viele Komplimente dafür bekommen.
2.       Wir sahen Seelöwen in freier Natur! Also ehrlich gesagt bin ich mir noch immer nicht sicher, ob es wirklich so heisst übersetzt, aber ich kann es im Wörterbuch nicht finden. Naja, Foto ist etwas weiter unten. Auf jeden Fall hätte ich nie gedacht, dass ich diese Tiere in meinem Leben mal sonst noch irgendwo ausser im Fernsehen sehe.
hinten: Masha 2 Ureinwohner, Rich, Ellen und ich; vorne:Camilo, Mashas Sohn und ein anderer Rotarier
Ellen und ich in heissen Quellen

Seekühe ?

Rich und ich in traditioneller Kleidung

Wie schon gesagt, war während der ganzen neun Tagen immer Masha mit uns und hat somit praktisch alle Zeit ihrer Ferien geopfert. Würde ich ja nie tun (:)), aber ich bin ihr einfach nur unglaublich dankbar dafür, dass sie es getan hat, denn wir haben uns super verstanden!


Nach den neun Tagen, also am Samstag vor einer Woche, ging’s dann wieder zurück nach Wladiwostok, wiederum mit verschiedenen Flügen, versteht sich. Zum Abschied schenkte mir meine Kamtschatskische (?) Gastfamilie einen riesen Bilderband mit Fotos der Kamtschatka. Wie ich sie doch liebeJ
In Wladiwostok sah ich zum ersten Mal seit drei Wochen meine Gastfamilie wieder. Und Grün! Ja, auch in Wladiwostok ist es in der Zeit, in der ich weg war endlich grün geworden, und während der ganzen zweistündigen Heimfahrt fühlte ich mich einfach nur so gut, weil ich endlich zum ersten Mal seit sechs Monaten mal wieder etwas grün sah, was der Landschaft schon sehr gut tut.
Erst als wir in Nachodka ankamen, merkte ich wie sehr ich alles vermisst hatte, und es fühlte sich einfach nur gut an, wieder zu Hause zu sein, mit meiner Gastfamilie zu reden, auf meinem gewohnten Platz Abendbrot zu essen, wenn dabei im Hintergrund Pervy Kanal im Fernsehen eingestellt ist. Und da wurde mir zum ersten Mal klar, dass mir gerade mal noch ein Monat bleibt, bis ich mein neues Zuhause schon wieder verlassen muss...

Sonntag, 20. Mai 2012

Wie schnell sich Pläne ändern


Vorweg: Diesen Post habe ich schon vor zehn Tagen verfasst, hatte nur nie Internetanschluss, um ihn zu veröffentlichen.Also immer schön zurückrechnen :)

Die Zeit in Wladiwostok war einfach klasse. Die ersten paar Tage haben wir alle - das heisst meine Gasteltern auf zehn Tage, deren beide Töchter Julia und Alina (14+15) und Mai, die Austauschschülerin aus Thailand, die bei ihnen wohnt - bei der Grossmutter etwas ausserhalb der Stadt verbracht. Sie lebt in einer Art Villenviertel,  und selbst lebt sie auch in einem riesigen Haus. Insgesamt acht Schlafzimmer, drei Badezimmer und eine riesen Küche und Wohnzimmer. Meine neue Gastgrossmutter hat mich absolut an das Klischee einer reichen Dame erinnert; also im guten Sinne. Sie drückt sich sehr gewählt aus, hat einen guten Kleiderstil und ist durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Vom Haus aus brauchte man nur fünf Minuten um ans Meer zu gelangen, so waren wir ein paar Mal dort, oder haben uns einfach mit den anderen sechs Austauschschülern im Zentrum getroffen.  Die Tage in der Villa, oder wie man das auf Deutsch auch immer nennen will, habe ich riesig genossen, denn es gab Platz zum verschwenden, was sonst jeweils in Russland nicht so der Fall ist. Naja, diese Freude währte nicht allzu lange, denn nach drei Tagen ging es in die Wohnung der Familie ins Zentrum der Stadt. Wenn ich vorher mein eigenes Zimmer hatte, so musste ich es nun mit meiner Gastschwester Julia teilen, und Mai schlief mit der anderen Tochter, Alina, in einem Zimmer. Nicht dass es extrem schlimm war oder so, nur wollte Julia bis tief in die Nacht hinein reden, und ich brauchte meinen Schönheitsschlaf:)
am Strand mit den Austauschülern und ganz links Alina
Unter der Woche ging ich wiederum in die Privatschule, in der ich im Herbst schon war, und in die alle Austauschschüler gehen. Mai und ich wurden jeden Morgen  hingefahren, obwohl es mit dem Bus nur etwa fünf Minuten länger wäre, aber mir soll’s recht sein. Da die Direktorin der Schule an einer Rotarykonferenz in Thailand war und das Ende des Schuljahrs naht, ging es mit der Disziplin ziemlich den Bach runter. Es kamen dauernd Schüler und Lehrer zu spät, und wir, die Austauschschüler sind meist nicht zu allen Stunden gegangen. Dafür haben wir an Nachmittagen Thailändisches Essen gekocht, sind in ein Koreanisches Restaurant gegangen, ans Meer gefahren, Schaschlik gebraten,  haben einen Bunker besichtigt und so weiter. Kurz, mir wurde nie langweilig. 


Gestern, am neunten Mai, war ein sehr spezieller Tag in Russland, der Tag des Sieges. Es wird der Sieg der Alliierten über die Nazis gefeiert. In Russland ist es deshalb erst am neunten Mai, weil sie den Vertrag einen Tag später als der Rest unterzeichnet haben. 
 In allen grösseren Städten gibt es aus diesem Anlass jedes Jahr eine Parade, die ich mir natürlich auch anschauen musste. Auf dem Platz im Zentrum standen so ca. fünfhundert (vielleicht waren es auch tausend, ich bin sehr schlecht im schätzen) Soldaten in Uniform.  Zuerst wurden ein paar Reden gehalten, dann hat ein Veteran den jungen Soldaten und Marineleuten gratuliert (warum weiss ich auch nicht, denn sie haben ja gar nichts für den Sieg getan…), und jedes Mal, nachdem er gratuliert hatte, wurde fünf Mal laut „Ura“ (also Hurra auf Deutsch)  gerufen. Nachdem alle Soldaten wegmarschiert waren -was ziemlich lange dauerte, weil es so viele waren - wurden die ganzen Panzer und anderen Kriegsmaschinen vorgeführt, und dann war die Parade auch schon zu Ende. Im grossen und ganzen war es ganz interessant, und Gott sei Dank ging das Ganze nur etwas über eine Stunde, es war als aushaltbar.



 Am Abend hiess es dann schon wieder packen. Dabei spielte Julia Gitarre und  Alina, Mai und ich sangen dazu. Es hat schon was tolles, Gastgeschwister im selben Alter zu haben, so hat man immer etwas zu tun. Abreisen wollte ich nicht wirklich, denn ich habe mich sehr gut mit ihnen verstanden und mich in ihren Hund verliebt. Die Mutter ist zwar etwas überfürsorglich und macht alles für ihre Töchter, aber darüber kann man hinwegsehen.
Julia & Mai
Warum der Titel meines Blogs ist „ Wie schnell sich Pläne ändern“? Ich sitze am Flughafen, und warte auf meinen Flug auf die Kamtschatka. Ja, die Halbinsel gaaanz im Osten Russlands, wo die ganzen Bären und Vulkane sind! Geplant war eigentlich, dass ich nach den zehn Tagen Wladiwostok zurück nach Nachodka gehe. Dann ist aber vor einer Woche ein Mail von meinem Cousellor gekommen, in dem steht, dass der Rotary Club Kamtschatka drei Austauschschüler für neun Tage aufnehmen könne. Ich war so glücklich darüber, denn ich hatte mich sehr dafür eingesetzt, dass es klappt. Jetzt fliegen also der Taiwanese Rich, die Amerikanerin Ellen (beide aus Wladiwostok) und ich für neun Tage auf die Kamtschatka! Sogar ein festes Programm für jeden Tag haben wir schon zugeschickt bekommen, was sonst für Russland eher ungewöhnlich ist, und es klingt echt cool!