Samstag, 25. Februar 2012

Feste und Feiertage

Am Montag feierte ich meinen 17. Geburtstag. Meine Gastmutter stand wie immer mit mir auf, und als ich in die Küche kam hat sie mich gleich umarmt, alles Gute gewünscht und mir ein Parfum in die Hand gedrückt. Geschenkpapier kennt man nämlich in Russland nicht. Ich habe mich riesig gefreut, denn ich wollte mir schon lange ein Neues kaufen, konnte mich aber nie wirklich entscheiden. Es war genau eines von der Marke, die mir sehr gefällt. Ich glaube, das habe ich gegenüber meiner Gastschwester mal erwähnt.
In der Schule war’s eigentlich wie immer, meine Klasse hat mir gratuliert und zwei Freundinnen haben mir je etwas geschenkt. Ich war extrem glücklich, dass jemand an mich gedacht hat.
Nach der Schule ging’s zu Babuschka (Grossmutter), die irgendwie immer das Gefühl zu haben scheint, dass sie mich vor dem Hungertod bewahrend muss. Also hat sie mich erst mal mit Blini (russische Pfannkuchen) vollgestopft. Und auch von ihr gab es auch noch ein Geschenk: Ein Set aus Frottiertüchern und Hausschuhen. Ich mag’s.
Am Nachmittag war wie immer Tanzen. Vielleicht noch einen kurzen Exkurs dazu: Mir gefällt es wirklich gut. Meine Muskeln werden zwar nicht wieder ganz so sehr aufgebaut, jedoch dehnen wir viel, was mir auch extrem gut tut. Ich glaube schon Fortschritte verzeichnen zu können. Am Anfang war ich ziemlich verzweifelt, weil sie schon einen Tanz angefangen hatten, und ich einfach hinten und vorne nicht mitkam. Als ich aber heute im Training war konnte ich, dank etwas Training zu Hause und vor den Stunden mit den anderen Mädchen, schon alles mittanzen. So schnell geht's:) Die Mädchen sind auch alle nett, einfach etwas jünger so zwischen zehn und fünfzehn. Kurz: Ich bin extrem froh, mich angemeldet zu haben!
 Zu Hause wartete schon meine ganze Familie inklusive Babuschka auf mich. Sie hatten chinesisches Essen bestellt plus konnte es meine Gastmutter natürlich nicht lassen, noch selbst etwas zu kochen. Es könnte ja nicht reichen… Mein Gastvater, hat mir auch gratuliert und mir fünf wunderschöne rote Rosen überreicht. Die Stimmung beim Essen war super, und für einmal ist sogar der Fernseher nicht gelaufen. Wie ich auf diesen Tag gewartet habe! Während des Essens wurde immer wieder angestossen, auf die Mutter, auf den Vater, auf die Grossmüttern usw. Ich aber natürlich nur mit Apfelsaft, keine Angst liebe Rotarier:) Ich hatte mich schon absolut vollgegessen, als meine Babuschka ankündigte, sie habe noch ein Geschenk für mich, und zauberte eine Napoleontorte aus dem Kühlschrank. Sie erklärte mir, dass sie die einzige in ihrer Verwandtschaft sei, der diese Torte gelinge. Dafür muss man nämlich vierzehn dünne Teiglagen backen und sie dann mit Creme zwischen jeder Lage gut aufeinander pressen. Da fühlte ich mich natürlich geehrt und musste einfach probieren. Und ja, ist wirklich köstlich!
Um zehn haben wir alle zusammen mit meiner Familie in der Schweiz geskyped. Ich kann nur sagen, die ganze Zeit zwischen zwei Sprachen zu switchen und zu übersetzen ist extrem anstrengend. Den Beruf des Dolmetschers habe ich an diesem Abend gedanklich abgehakt. Nach der halbstündigen Skypesession habe ich mich dann langsam bettfertig gemacht, am nächsten Tag ging's ja wieder zur Schule.
Essen...

Dessert mit Napoleontorte


Am Tag nach meines Geburtstags fühlte ich mich nicht so gut. Mir war etwas übel und liess deswegen schon mal das Frühstück ausfallen. Ich habe es dann erst mal darauf geschoben, dass ich wohl einfach zu viel gegessen hatte. Als es aber in der Schule anstatt besser noch schlechter wurde bin ich nach zwei Lektionen wieder nach Hause. Mein Gastbruder schien auch nicht zur Schule gegangen zu sein: er lag schlafend in seinem Bett und daneben stand ein Becken. Ich habe mich auch den ganzen Tag, mal abgesehen von Toilettenbesuchen nicht mehr aus dem Bett erhoben. Meine Gasteltern haben chinesischem Essen an diesem Tag für immer abgeschworen, obwohl es ihnen gut ging. Ausserdem hat mein Medikamentenkonsum dieses Tages wohl den der letzten fünf Jahre überstiegen. Mir wurden von meiner Gastmutter, auf Rat des Arztes, zwei verschiedene Sorten Tabletten und irgendein extrem ekelhaftes Gel verabreicht. Vielleicht hat es ja genützt, aber ich mag Homöopathie trotzdem lieber, weil die wenigstens gut schmeckt.
Am nächsten Tag ging ich übrigens auch nicht zur Schule, meine Gastmutter hat darauf bestanden. Und  allzu sehr dagegen gesträubt habe ich mich auch nicht:)


In derselben Woche, am 23. Februar, ist in Russland Tag des Beschützers des Vaterlandes, kurz Männertag. Man gratuliert allen Männern zum Festtag und kann ihnen auch etwas schenken. Das Beste an allem: Es ist ein offizieller Feiertag! Das heisst keine Schule und ausschlafen. Als ich aufgestanden bin und zum Fenster rausgeschaut habe, konnte ich meinen Augen kaum trauen: Es hatte über Nacht geschneit und noch immer nicht aufgehört!  Das waren die ersten Niederschläge seit drei (!) Monaten. In einem Nachbarstädtchen hatten die Leute wegen mangelnden Wassers gar nur noch am Morgen für zwei Stunden fliessend Wasser.
Im Fernsehen werden den ganzen Tag alte (Kriegs)Filme gezeigt, oder sonst irgend ein aussergewöhnliches Programm. Am frühen Nachmittag sind wir zu Babuschka gegangen, wo es natürlich wieder Essen im Überfluss gab. Es hatte sich schon eine ganze Truppe versammelt, darunter war auch der Ehemann (ich musste gerade eine Ewigkeit überlegen, bis mir das deutsche Wort dafür wieder eingefallen ist) meiner Gastgrosstante (54). Er war im Dezember für vier Monate von seiner Arbeit auf einem Schiffen wiedergekommen. Er war schon praktisch überall auf der Welt, ausser in der Antarktis (sogar in Fidschi oder Sierra Leone!). Ich dachte schon, meinen neuen Traumberuf gefunden zu haben. Als er dann jedoch ein paar Beispiele brachte, was ihm schon alles passiert sei, änderte ich meine Meinung schnell wieder. Sein Schiff ist zum Beispiel schon in die Hände von Piraten gefallen, er hat schon gebrannt, Seekrankheit gehört zum Alltag… Es war interessant zuzuhören.
mein Haus im Schnee

Am Tag meines Geburtstags hat auch die Masleniza angefangen. Das ist eine Woche, in der jeden Tag Blini gegessen werden. Dabei gibt es Vorgaben, z.B. an  welchem Tag man welche mit Kaviar machen soll, es gibt einen Tag, an dem die Schwiegermütter ihre Schwiegersöhne einladen usw. So genau wird das hier in meiner Familie nicht genommen, Hauptsache es wird einmal am Tag Blini gegessen. Am Sonntag endet die Masleniza dann auch wieder, indem man einmal noch so viel essen soll, wie man kann. Der Grund, warum man das Ganze macht, ist, dass am Montag die 49-tägige Fastenzeit beginnt. Das bedeutet für Russland 49 Tage keine tierischen Produkte zu sich nehmen, also nicht einmal Milch. Ausserdem gibt es Wochen, in denen man nur Wasser trinken darf. Gott sein Dank macht meine Familie bei dem ganzen nicht mit. Jedoch habe ich mit meiner Gastmutter abgemacht, dass wir in dieser Zeit keine Süssigkeiten essen. Ich will mich im Sommer ja schliesslich noch am Meer zeigen können.
einfach so. meine Gastgrossmutter und ich am Meer

Samstag, 4. Februar 2012

Kreshenie

In Russland ist jedes Jahr irgendwann im Januar die so genannte Крещение (=Taufe).  Am Tag der Kreshenie und in der Woche danach soll – wie ich das verstanden habe - das Wasser anders sein, heilig irgendwie. Deshalb geht der harte Russe in der Woche der Kreshenie in einem See oder im Meer baden. Da das Kultur ist, musste ich natürlich unbedingt auch hingehen. Vinícios erst Gastmutter hat ihn, Stas und mich eingeladen, mit ihnen zu kommen. Wir fuhren zu einem See, etwa eine halbe Stunde von Nachodka entfernt. Dort war im Eis ein Loch in der Form eines Kreuzes rausgeschlagen und es hatte auch ziemlich viele Leute dort, jedoch haben mehr geschaut als gebadet. Obwohl, baden kann man das nicht nennen, es ist mehr reingehen und dreimal untertauchen, denn das muss man tun, damit’s auch gilt.
Zuerst haben wir nur etwas zugeschaut, dann meinte Vinício aber, er würde das extrem gerne auch mal machen, und heute sei es ja schliesslich warm. War es auch: Wir hatten -6 Grad und Sonnenschein; so hohe Temperaturen hatten wir schon lange nicht mehr. Allein wollte er aber nicht gehen und da sich von den anderen niemand bereiterklärte mitzukommen, liess ich mich schlussendlich dazu überreden. Allzu oft wird sich eine solche Gelegenheit wohl kaum mehr bieten. Ausserdem hat das ganze den positiven Nebeneffekt, von allen Sünden reingewaschen zu werden und man wird ein Jahr nicht krank. Da ich sicherheitshalber meine Badehosen mitgenommen hatte, hielt uns nichts mehr davon ab, uns in kalte Wasser zu stürzen.

Ich würde sagen, das im Bikini vor dem Wasser stehen ist der schlimmste Teil am Ganzen. Vor allem werden die Füsse unglaublich kalt, weil man ja auf Eis steht. Wir sind zu zweit reingesprungen,  drei Mal abgetaucht und so schnell wie möglich über eine Leiter wieder raus. Ich hatte mir das Wasser kälter vorgestellt. Also klar, angenehm war es nicht, und beim dritten Mal untertauchen hatte ich das Gefühl, wenn ich’s nochmals tue, kriege ich keine Luft mehr, aber  im Grossen und Ganzen war es ganz ok. Nachdem ich mich abgetrocknet hatte war mir aber sogar im Bikini warm! Nach dem Schwimmen sind wir noch in eine Kirche gegangen; für mich das erste Mal in Russland. Gross von katholischen Kirchen unterscheidet sich das Innere eigentlich nicht, nur müssen sich die Frauen den Kopf bedecken. Wir haben eine Kerze angezündet, ein bisschen die Bilder angeschaut und anschliessend zu Vinícios Gastmutter auf einen Tee nach Hause gegangen.  Meine Füsse waren zwar noch bis ich nach zwei Stunden eine Dusche genommen habe kalt, aber krank bin ich nicht geworden und ich habe ja noch ein ganzes Jahr ohne Krankheit vor mir:))
 
der Beweis

Vor zehn Tagen ist  Vinício zurück nach Brasilien gegangen. Seit wir uns an der Orientation kennengelernt haben sind wir echt gute Freunde geworden; ich habe praktisch jeden Nachmittag etwas mit ihm und Stas unternommen, und der Abschied war dementsprechend hart. Wir haben aber schon abgemacht, dass ich ihn im nächsten Februar in Brasilien besuchen komme. Gleich nach Vinicios Abreise ist Stas dann auch noch für zwei nach Wladiwostok gegangen. Kurz, meine Nachmittage in den letzten zwei  Wochen waren nicht die interessantesten. Von den Leuten in meiner Klasse, mit denen ich mich gut verstehe haben eigentlich alle am Nachmittag sonst was zu tun. Ich bin also zum Schluss gekommen, dass ich dringend ein Hobby brauche. Am Freitag war ich mit einer Mitschülerin im Fitnesscentre. Es war eigentlich nicht schlecht, Fitnesscentre halt.Jetzt habe ich echt schlimmen Muskelkater, da das das erste Mal Sporttreiben seit sechs Monaten war. Wahrscheinlich lasse ich das aber in Zukunft sein, denn ab Montag gehe ich drei Mal pro Woche ins Tanzen. Eigentlich hätte ich ja schon in der Schweiz gerne getanzt, habe mich aber nie wirklich getraut, denn ich habe mich als zu alt befunden, um noch damit anzufangen. Die Gruppe, in die ich hier komme ist auch keine für Anfänger. Ich dachte mir einfach, dass ich mit meinem brüchigen Russisch hier sowieso schon genug blamiere, dann kommt es auf das Tanzen jetzt auch nicht mehr an. Wünscht mir Glück!